Innovationsforum: Implantat-assoziierte Infektionen

Wie verhindert man Implantat-assoziierte Infektionen (IAI) in Orthopädie und Unfallchirurgie präventiv? Welche Verfahren lassen sich zu deren verbesserten Diagnostik und Therapie entwickeln? Auf Initiative der regionalen Arbeitsgruppe IAI trafen sich rund 60 Akteure des norddeutschen Innovationsnetzwerks für Knochenheilung (NORTHOPEDICS) und des Schwesternetzwerks für Hygiene und Infektion (HiHeal) am 30. August am UKE, um diese und weitere Fragen interdisziplinär zu erörtern, regionale Kompetenzen zu verdeutlichen und innovative Lösungsansätze auszutauschen.


Der Leidensweg von Patienten mit Implantat-assoziierten Infektionen ist oft sehr lang und äußerst schwerwiegend. „Im Schnitt werden Patienten mit Knochen- und Gelenkinfektionen fünf Mal auswärts operiert, bevor Sie zu uns in die Septische Unfallchirurgie und Orthopädie am BG Klinikum Hamburg kommen“, berichtete Dr. Ulf-Joachim Gerlach, Chefarzt der größten Spezialabteilung für Knochen-, Gelenk-, Prothesen- und Weichteilinfektionen Deutschlands, den rund 60 Teilnehmern des Innovationsforums Implantat-assoziierte Infektionen.


Hintergrund für das Treffen, das Ende August im Erika-Haus am UKE stattfand, sind die Aktivitäten der hamburgisch/schleswig-holsteinischen Arbeitsgruppe Implantat-assoziierte Infektionen (AG IAI), die aus den beiden Netzwerken NORTHOPEDICS (Innovationsnetzwerk für Knochenheilung) und HiHeal (Innovationsnetzwerk für Hygiene, Infektion und E-Health) hervorgegangen ist. Ziel der AG ist es, klinische Bedarfe im Schwerpunkt IAI zu benennen sowie Handlungsansätze zu erarbeiten, um im Verbund aus Klinik, Wissenschaft und Industrie Forschungs- und Entwicklungsprojekte auf den Weg zu bringen. Das langfristige Ziel der Aktivitäten ist die spürbare Verbesserung der Patientensituation. Koordiniert werden die Aktivitäten von Prof. Dr. Arndt-Peter Schulz (UKSH Lübeck & BG Klinikum HH) sowie von der Life Science Nord Management GmbH.

 

Die Gründungsmitglieder der AG IAI stellten sich am Forums-Abend dem interdisziplinären Fachpublikum aus Klinik, Wissenschaft und Industrie vor und beleuchteten die Thematik anhand von Expertenvorträgen aus verschiedenen Blickwinkeln heraus. Den Einstieg machte Gastreferent PD Dr. Richard Kasch, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Gesundheitsökonom an der Universitätsmedizin Greifswald. PD Dr. Kasch präsentierte eine detaillierte Kostenaufstellung für Revisionen von Implantaten nach deren Lockerung bei positivem und negativem Keimnachweis. Im Anschluss erklärte Dr. Gerlach, dass die Problematik der Knochen- und Gelenkinfektionen häufig erheblich unterschätzt wird: „Eine fachgerechte Behandlung muss rasch erfolgen, denn die Infektabwehr sorgt dafür, dass bereits nach 24 Stunden Enzyme eingeschwemmt werden, die ohne Therapie zu irreparablen Schäden führen können. Oft verstreicht viel zu viel Zeit“. Gerlach erklärte weiterhin: „Gelangen Keime auf die Oberfläche von Endoprothesen, bilden sie innerhalb kurzer Zeit einen Biofilm. Bakterien im Biofilm sind vor dem Angriff durch Antibiotika und des Immunsystems geschützt.“* Dies bestätigte auch Prof. Dr. Wolfgang Streit, Lehrstuhlinhaber der Mikrobiologie und Biotechnologie an der Universität Hamburg und Experte für Biofilme. Anhand von ‚omics‘-Analysen werden in seinem Labor die Entstehung von Biofilmen untersucht und Strategien zu deren Vermeidung abgeleitet.


Prof. Dr. Holger Rohde vom Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie & Hygiene am UKE Hamburg sieht wie Dr. Gerlach den dringenden Bedarf für schnellere und sensitivere Diagnostikverfahren: “Eine gesicherte Erregerdiagnostik und Antibiotika-Resistenztestung zur gezielten Antibiotikatherapie dauert bis zu zwei Wochen. Unter Laborbedingungen lassen sich allerdings nicht alle Erreger kultivieren. Und mit der kulturunabhängigen PCR-Diagnostik finden wir, geschuldet der Notwendigkeit spezifischer und genügend sensitiver Primer, bisher nur die Erreger, die wir auch vermuten.“ Die Liste der offenen Fragen ist lang. Dennoch: Für die Entwicklung eines sog. „Bench-to-Bedside Tools“, das die in vivo relevanten Erreger in kürzester Zeit bestimmen kann, kooperiert Prof. Rohde bereits mit der Uni HH, dem BG Klinikum HH und der altona Diagnostics GmbH.


Auch Materialien und Oberflächen waren Thema Veranstaltung. Das einzige auf dem Markt verfügbare Antibiotika-beschichtete Implantat funktioniert laut Dr. Gerlach im Hinblick auf die Vermeidung von Reinfektionen gut. Regionaler Experte für Beschichtungen aller Art, insbesondere für den medizintechnischen Bereich mit entsprechenden Referenzen und Zertifizierungen, ist die Impreglon Material Technology GmbH aus Lübeck. Dr. Torsten Will, Entwicklungsleiter, präsentierte an diesem Abend die verschiedenen technischen Möglichkeiten im Unternehmen und interessierte sich für die Mitarbeit in der AG IAI.


Ob so eine Innovation, wie die Entwicklung eines speziell beschichteten Implantats, sich auch für die Unternehmen lohnt, und ob es eine Chance gibt, dass solche Innovationen den Weg in die Klinik finden, wurde auf der anschließenden Gesprächsrunde kontrovers diskutiert. Zur Frage „Notwendige Innovationen für IAIs: Was können Sie dazu beitragen?“ präsentierten sich Dipl.-Ing. Christian Lutz von der Bluewater Medical GmbH in Kiel (Produktentwicklung für den Trauma- und Orthopädiebereich), Dr. Markus Heß von der altona Diagnostics GmbH in Hamburg (Molekulare Diagnostik), Dipl.-Ing. Kai Borcherding vom Fraunhofer IFAM, Bremen (Implantatbeschichtungen und Oberflächentechnologien) sowie Boris H. Buckow von der EurA AG, Hamburg (ZIM-Netzwerke und ZIM-Antragsstellung).


Das abschließende Get Together wurde durch die Präsentation digitaler Lösungen für die Klinik am Stand der Hülsenbeck & Hoss Industriedesign-Agentur aus Hamburg bereichert. Hülsenbeck & Hoss sind u.a. Spezialisten für User Interface Design für den medizinischen und medizintechnischen Bereich und können als regionales Start-up bereits Referenzprojekte mit Dräger, Endochoice und Söring aufweisen.


Sind auch Sie interessiert an der Mitarbeit in der AG IAI? Dann kontaktieren Sie uns unter: zenthoefer@lifesciencenord.de

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